“You’ll never ride alone”: Dieses Start-up will Motorradfahren sicherer machen

Ellr Bike Logo

Christian Schütte setzt auf die Community der Biker – für ihn ist klar: Biker helfen Bikern. Schütte ist Chef der Firma KessTech aus Obertheres, die Auspuffanlagen für Motorräder von Harley-Davidson und BMW herstellt. Und er ist Gründer von Ellr („Eller“) – einem Start-up, das die Sicherheit von Motorradfahrern revolutionieren könnte.

2012 hat Schütte die Firma KessTech in Obertheres im Landkreis Haßberge übernommen. Das Unternehmen gibt es seit über 30 Jahren. Seit über 20 Jahren produziert es Auspuffanlagen für Harleys, seit 2013 auch für BMW. Aus dem Unternehmen heraus hat sich Christian Schütte (natürlich) sehr viel mit dem Motorrad-Markt beschäftigt. Über sein Netzwerk hat er dann einen motorradverrückten Israeli aus der Tel-Aviver Tech-Szene kennengelernt: Raz Tsafrir.

Und der hatte eine Idee, von der sich Christian Schütte begeistern ließ: Ein Gerät, das Gefahrensituationen beim Motorradfahren automatisch erkennt und die Nutzer miteinander vernetzt. Der Grundgedanke: „Motorradfahrer helfen immer gerne anderen Motorradfahrern“.

Soweit so verständlich. Aber wie genau funktioniert so etwas in der Praxis?

Unfall, Diebstahl, Panne: Ellr adressiert unangenehme Themen für Biker

Ellr produziert ein elektronisches Gerät, das sich einfach an jedes Motorrad mit einer Batterie anschließen lässt. Das Gerät verfügt über GPS, eine globale SIM-Card und andere technische Spielereien wie einen Gyro-Sensor, der z. B. Beschleunigungen und Schräglagen erkennen kann. Über eine App kommuniziert das Gerät mit dem Fahrer und der Ellr-Community.

Gehen wir mal von folgendem Szenario aus: Ein Motorradfahrer kommt von der Straße ab. Fahrer und Maschine stürzen eine Böschung hinunter. Der Fahrer liegt verletzt und unsichtbar für andere Verkehrsteilnehmer abseits der Straße. Er ist selbst nicht mehr in der Lage, Hilfe zu rufen. Ein Horrorszenario für jeden Biker. Hier kommt Ellr ins Spiel.

Ein intelligenter Algorithmus erkennt anhand der vom Ellr-Tracker aufgezeichneten Daten die Situation: Geschwindigkeit abrupt auf null, Fahrzeug liegt. Als erstes fragt die App, die der Motorradfahrer auf seinem Handy installiert hat, ob bei ihm alles in Ordnung ist. Antwortet er nicht, bekommt der „Schutzengel“ des Fahrers eine Benachrichtigung. Der Schutzengel ist quasi ein Notfallkontakt, der ebenfalls zur Ellr-Community gehört.

Antwortet auch der Schutzengel nicht, bekommen alle anderen Nutzer der Ellr-App, die sich in 15 Kilometern Umkreis befinden, einen Alarm. Hier wird schon deutlich: Das Ganze lebt auch von der Anzahl der Nutzer. Alleine in Deutschland sind etwa 4,4 Mio. Motorräder zugelassen. Potenzial ist also mehr als genug vorhanden.

Eine zweite Ausbaustufe ist bereits angedacht. Bedeutet: Wenn kein Schutzengel erreicht wird, soll es einen automatischen eCall an die Notrufzentrale geben. Dieses System ist bereits bekannt und seit März diesen Jahres in der EU sogar Pflicht für neue Fahrzeuge – allerdings nur für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge. Nicht für die schwächeren im Straßenverkehr: die Motorradfahrer. Umso erstaunlicher, dass es laut Schütte bisher kein mit Ellr vergleichbares Produkt gibt

Fünf von 1.000 Motorrädern werden in Deutschland gestohlen

Das zweite Anwendungsgebiet von Ellr ist Diebstahl. 2017 wurden in Deutschland über 20.000 Mopeds und Krafträder gestohlen. Klingt vielleicht erstmal nicht viel, Pkw waren es über 33.000. Aber: Motorräder gibt es hierzulande gut vier Millionen, Pkw über 40 Millionen. Anders ausgedrückt: Von 1.000 zugelassenen Motorrädern wurden im vergangenen Jahr etwa fünf gestohlen, von 1.000 zugelassenen Pkw nur einer. Das Problem ist also da – und zwar deutlich stärker als bei Autos. Einen Lösungsansatz bietet das Unternehmen aus Obertheres.

Wir wissen, wie ein Motorradfahrer sein Motorrad benutzt.

Wie beim Unfall erkennt der Ellr-Tracker auch einen Diebstahl automatisch und sendet daraufhin einen Alarm. „Wir wissen wie ein Motorradfahrer sein Motorrad benutzt – was ist normal und was ist nicht normal – und erkennen, was für eine Situation das gerade ist“, erklärt der gebürtige Hamburger Schütte die Funktionsweise. „Durch intelligente Algorithmen wissen wir, ob der Motorradfahrer einer Gefahrensituation ausgesetzt ist oder ob das Motorrad gerade abtransportiert wird.“

Auch für den Pannenfall hat Ellr mittlerweile eine Lösung parat. Nutzer der App können – unabhängig davon, ob sie das Gerät eingebaut haben oder nicht – selbst einen Alarm absetzen, der den Schutzengel und Ellr-Mitglieder in der Nähe benachrichtigt. Um Schutzengel zu sein, reicht es aus, sich die App auf dem eigenen Handy zu installieren und sich bei Ellr anzumelden. Mit Kosten ist nur das Gerät selbst verbunden.

Der Gründer des ersten Motorrad-Clubs leiht dem Start-up seinen Namen

Ellr ist ein eigenständiges Unternehmen – das ursprünglich unter dem Namen Traxx firmierte. Traxx GmbH steht auch heute noch im Impressum. App und Device haben mit Ellr aber einen neuen Namen bekommen. Mit dem alten war man nicht so richtig zufrieden. Eine große Werbeagentur wurde engagiert und hat Namensvorschläge gemacht. Die Wahl fiel auf Ellr. Zugegeben, einem Laien leuchtet das zunächst nicht ein. Wenn man aber die Geschichte dahinter kennt, kann das Start-up eigentlich keinen anderen Namen tragen.

Der Namensgeber ist ein gewisser George Eller. Der hat 1903 den Yonkers Motorcycle Club gegründet, den ältesten Motorrad-Club der Welt. Die Philosophie dahinter: Eine Gemeinschaft von Motorradfahrern aufbauen, die füreinander da sein sollen. So wie es auch Ellr vorhat.

Große Marktteilnehmer haben bereits Interesse an Ellr

Vertreiben will Christian Schütte sein Produkt vor allem über den eigenen Webshop. Aber auch einige stationäre Händler hat der Gründer bereits an der Angel. Starten will er im europäischen Markt, aber eine globale Ausweitung ist geplant. Die Kosten fürs Marketing sollen erstmal gering gehalten werden. Ellr setzt auf Social Media und Mundpropaganda. Und dann ist da natürlich noch das bestehende Netzwerk von Schüttes Firma KessTech.

Laut dem Gründer haben bereits einige große Marktteilnehmer wie etwa Motorrad-Hersteller Interesse an Ellr bekundet. Aber auch Telekommunikationsanbieter und Versicherer finden das Produkt interessant. Durchaus nachvollziehbar.

Der Ellr-Tracker kostet im Webshop aktuell 389 Euro, für Gruppenbestellungen ab fünf Personen gibt es 50 Euro Rabatt. Wieviel ihm seine Sicherheit Wert ist, muss natürlich jeder Motorradfahrer selbst entscheiden. Möglich, dass es keine 389 Euro sind. Aber: Auch ohne dieses Gerät können Motorradfahrer Teil der Ellr-Community werden. Die App ist kostenlos. Nutzer können damit nicht nur als Schutzengel tätig werden, sondern auch selbst Notrufe an die anderen Mitglieder initiieren.

Auch wenn Ellr-Nutzer ohne Mitfahrer unterwegs sind: Sie fahren nie allein.

Related posts

Leave a Comment