Vanilla Campaign: der lange Weg der echten Vanille nach Deutschland

Vanilla Campaign Flyer

Vanille soll eine beruhigende Wirkung haben. Das glaubt man sofort, wenn man sich mit Sebastian Berlein unterhält. Der gebürtige Bergrheinfelder spricht ruhig und bedacht, wenn er von seinem Projekt erzählt. Berlein ist nicht einfach irgendjemand, der gern Vanille mag. Sie bestimmt mittlerweile sein ganzes Leben. 2016 hat er Vanilla Campaign gegründet. Mit seinem Unternehmen importiert und verkauft er das Gewürz.

Er beschwert sich nicht über die Umstände, die ihm das Ganze erschweren. Grund genug hätte er: Krise am Vanille-Weltmarkt, andauernde Gewalt im Herkunftsland Mexiko, Bürokratie bei der Bio-Zertifizierung.

Halt. Vanille aus Mexiko?? – Richtig. Die meisten haben davon aber sicher noch nie gehört.

Hatte Sebastian Berlein auch nicht, bevor er nach Mexiko kam. Selbst Sterneköche wissen nicht, dass das zweitteuerste Gewürz der Welt seinen Ursprung in Mittelamerika hat. Die Vanille ist eine Orchideenart, deren Blüten auf natürliche Weise nur von einer dort lebenden Bienenart bestäubt werden können. Trotzdem kommen heute 80 Prozent der weltweiten Produktion aus Madagaskar. Nur zehn Prozent aus Mexiko. Die bekannten Vanille-Sorten werden – anders als die Mexiko-Vanille – auf den Plantagen per Hand bestäubt. Kennern ist neben der Bourbon-Vanille aus Madagaskar bestenfalls noch die Tahiti-Vanille bekannt.

Wer aber das echte, ursprüngliche Aroma der Vanille kennen will, muss die mexikanische probiert haben. Obwohl es sich um dieselbe Pflanze handelt, ist sie milder und dezenter, gleichzeitig aber auch würziger als die bekannte Bourbon-Vanille. Ein echtes Gourmet-Produkt. Und so gut wie niemand weiß das.

Die Auszeit wird zur Gründungsphase

Darüber war auch Sebastian Berlein überrascht, als er 2012 zu einer Auszeit nach Mexiko aufbrach. Genug vom Job im Tech-Start-up. Ein Tapetenwechsel musste her. Von einem befreundeten Koch aus Mexiko City erfuhr er von der Original-Vanille. Berleins Interesse war geweckt und er fuhr mit ihm in die Ursprungsregion Papantla im Bundesstaat Veracruz. Sie blieben eine Weile im Nationalpark Xanath und lernten dort die Vanille-Bauern kennen. Sebastian Berlein war fasziniert.

Logo von Vanilla Campaign

Ich fand es sehr spannend, dass kaum jemand die Ur-Vanille kennt.

Er war zu diesem Zeitpunkt schon etwa zwei Jahre in Mexiko. Der ehemalige Kunst- und Grafikdesign-Student war dort unter anderem als Kunstlehrer und Berater für Start-ups tätig. Der Besuch bei den Vanille-Bauern sollte ihn schließlich selbst zum Gründer machen. 2016 kehrte er mit ein paar Kilo Vanille im Gepäck nach Deutschland zurück – und verkaufte sie binnen kurzer Zeit über einen Online-Shop. Die Nachfrage war da, Nachschub musste her. Die Idee zur Vanilla Campaign war geboren.

Vanille aus Mexiko nach Deutschland einführen und dort verkaufen. Klingt jetzt erstmal nach einem klassischen Import-Export-Geschäft. Hinter Vanilla Campaign steckt aber viel mehr als das. Sebastian Berlein ist nicht nur Geschäftsmann. Er will die Welt verändern.

Berlein geht es bei dem Projekt nicht in erster Linie ums Geld verdienen. Sein Antrieb ist der Wunsch nach Veränderung: Zunächst mal will er die beste Vanille der Welt bekannt und für jeden erhältlich machen. Vom Aroma der echten Vanille konnte Berlein unter anderem schon den verrückten Eismacher aus München überzeugen. Außerdem verfolgt der Gründer mit seinem Projekt eine entwicklungspolitische Idee. Er möchte die lokalen Strukturen vor Ort stärken, sozialen Mehrwert für die Vanille-Bauern und ihre Familien schaffen. Das bedeutet vor allem auch, dass sie faire Preise bekommen.

Vanilla Campaign in der Krise: krasser Preisanstieg lässt Marge einbrechen

Eigentlich wollte sich Sebastian Berlein im vergangenen Jahr zur Unterstützung einen Angestellten ins Boot holen. Dann aber kam die Krise. Ernteausfälle durch einen Zyklon im Hauptanbaugebiet Madagaskar und eine hohe Nachfrage nach echter Vanille trieben den Preis brutal in die Höhe. Die Ankündigung großer internationaler Lebensmittelkonzerne wie Nestlé, zur echten Vanille zurückzukehren, trug einen wesentlichen Teil zu den horrenden Preisen bei.

Für ein kleines Projekt wie Vanilla Campaign, das gerade erst entsteht, ist das aber Gift. Der steigende Preis lies die Nachfrage sinken, die Marge brach um rund 50 Prozent ein. Stabilität: Fehlanzeige. „Ab einem gewissen Preis kaufen die Kunden einfach nicht mehr. 15 Euro für eine Schote macht keiner mit“, sagt Berlein über diese schwierige Zeit für sein Unternehmen. Die Krise hat sein finanzielles Polster weggefressen. Es muss also erstmal alleine weiter funktionieren.

Vanilla Campaign Sebastian Berlein
Gründer Sebastian Berlein und sein Kooperationspartner, Vanille-Bauer José Luis Hernández Decuir

Ein ganz anderes Problem, mit dem sich der Vanille-Unternehmer konfrontiert sieht, ist die Sicherheitslage im Herkunftsland. Genauer gesagt: die andauernde Gewalt in Mexiko. Organisierte Kriminalität gehört dort zur Tagesordnung. 2017 ist der Krieg der Drogenkartelle eskaliert. Es war das bisher blutigste Jahr in der mexikanischen Geschichte. Von 25.000 bis 30.000 Morden ist die Rede. Eine Besserung ist aktuell nicht in Sicht.

Das ist auch der Grund, warum Sebastian Berlein die geplante „Vanille-Reise“ auf November 2018 verschieben musste. Zusammen mit zehn Interessierten reist er im Herbst nach Mexiko in den Ökopark zu seinem Freund und Kooperationspartner José Luis Hernández Decuir. Dort sollen die Teilnehmer die Region und den Park, die lokalen Strukturen, Tradition und Kultur kennen lernen. Außerdem erfahren sie alles, was man über die mexikanische Vanille muss.

Bio ist teuer – vor allem für den Hersteller

Eine Sache die man wissen sollte: Die Vanille, die Sebastian Berlein in Deutschland verkauft, ist ein Bio-Produkt. Eigentlich. Den theoretischen Vorgaben entspricht das Produkt zumindest. Aber: Um in der Praxis letztendlich ein Bio-Siegel nutzen zu dürfen, muss man sich zertifizieren lassen. Und das ist nicht nur unglaublich aufwendig, sondern vor allem auch teuer.

Die Bio-Zertifizierung ist eines der größten Herausforderungen für Vanilla Campaign. Weil die Finanzierung so teuer ist, hat Sebastian Berlein 2016 ein Crowdfunding gestartet. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass sein Projekt gleich etwas Aufmerksamkeit bekam. Den aktuellen Stand der Zertifizierung können Interessierte im Blog des Projekts nachlesen.

Ein wichtiger Schritt dabei ist auch die Umformung des Nationalparks zu einem Unternehmen, genauer gesagt zu einer Kooperative. In Deutschland ist den meisten eher der Begriff Genossenschaft geläufig. Das würde den offiziellen Export der Vanille durch den Park selbst ermöglichen. Die Anträge dazu sind eingeleitet, eine erste Inspektion vorfinanziert. Wenn alles glatt läuft, kann Berlein mit Vanilla Campaign bald richtig durchstarten. Denn er hat noch Einiges vor.

Mexikanische Vanille: von Bergrheinfeld in die Welt

Aktuell ist Sebastian Berlein wieder in Deutschland. Zwischen Berlin und Bergrheinfeld, Landkreis Schweinfurt, kümmert er sich um sein Unternehmen. Meist verbringt er nur den kalten deutschen Winter in Mexiko. Aber wie läuft das Geschäft hierzulande, wenn er selbst in Mexiko ist? Vanilla Campaign ist immerhin (noch) ein Ein-Mann-Unternehmen.

Ein Teil des Vertriebs ist in E-Commerce-Dienstleister ausgelagert. Und dann ist da noch Mama Berlein. Sie verpackt in Bergrheinfeld die importierten Vanilleschoten aus Mexiko, bringt sie zur Post und kümmert sich um Retouren. Da gibt es Einiges zu tun.

Vanilla Campaign Vanille-Schoten
Vanille-Schoten: links, wie man sie kennt, rechts kurz nach der Ernte

2017 hatte Vanilla Campaign etwa 4.000 Einzelkunden plus etwa 40 Gewerbekunden. Ziel für das aktuelle Jahr ist es, den Kundenstamm weiter auszubauen. Die 5.000er-Marke soll 2018 geknackt werden. Mehr nicht. Wachstum in der richtigen Geschwindigkeit ist eines von Sebastian Berleins Mantras. „Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, erstmal mehr Endkunden zu erreichen und eigene Produkte anzudenken.“ Damit meint Berlein etwa ein Vanille-Eis oder einen Vanille-Keks. Aktuell gibt es im Webshop lediglich ganze Vanille-Schoten sowie daraus gewonnenes Vanille-Extrakt zu kaufen.

Mein Ziel? Ich will bis 2020 finanziell mit dem Projekt durchkommen.

Mit diesen beiden Produkten erschließt Vanilla Campaign momentan den deutschen Markt. Aber auch über eine Internationalisierung denkt der Gründer bereits nach. USA und Mexiko sind angedacht. Dabei richtet sich der Fokus vor allem auf Privatkunden. Gewerbekunden sind – nicht alle, aber doch die meisten – zu stark preisfokussiert. Doch auch Berlein weiß: „Am Ende geht es darum, ein starkes Produkt zu einem überzeugenden Preis anzubieten.“ Die Vanille-Bauern dürfen dabei freilich nicht zu kurz kommen.

Fragt man Sebastian Berlein nach seinen künftigen Zielen, antwortet er eher bescheiden: „Bis 2020 finanziell mit dem Projekt durchkommen.“ Daran erkennt man auch, dass es aus seiner Sicht noch den ein oder anderen Stolperstein für das Projekt gibt.

Ob sich Berlein davon aus der Ruhe bringen lässt? Sicher nicht.

 

 

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